Zum Inhalt springen
Diese Seite ist eine maschinelle Übersetzung. Zum deutschen Original
Patio 13Schule für Straßenkinder
Archiv 2002–2012 Suchen

Text der ersten Vorlesung

Hartwig Weber

Text der ersten Vorlesung:

1. Treffpunkt "Patio 13"
Das schwere Tor, vor langer Zeit grün angestrichen und jetzt rostig, hallt nur gedämpft wider von den Faustschlägen des Jungen, der Einlass begehrt. Während er die Rechte fast wund haut am Eisen, hält die Linke unter dem ausgebeulten, einst weißen Unterhemd die gelbe Plastikflasche mit dem Kleber umfasst. Er bläst hinein und saugt den scharfen, schwindelerregenden Geruch mit der Nase auf. Das Schnüffeln hat ihm die Kraft geraubt, aber auch geholfen, die Nacht zu überstehen. Die Augenlider sind halb geschlossen, sein Rufen klingt eher wie ein Lallen, und er schwankt ein bisschen im Gehen. Mit jeder Nacht ist mit der Angst auch ein Stück Tod besiegt. Jetzt lockt die Sicherheit des Patio ("Hof"), ausruhen, den Körper und die Kleider waschen, heißen Kakao im Mund, im Hals und im Bauch spüren, essen, mit den andern Fußball spielen und sich unterhalten. Der Patio - das ist ein Mittelding zwischen Haus und Straße, Treffpunkt und Rückzugsmöglichkeit.

Der Junge schlägt erneut mit der Faust ans Tor, reckt den Hals hoch zu dem kleinen, dort eingelassenen, vergitterten Fensterchen, durch das hindurch er ein Stück des Innenhofs überblickt: Asphalt und hoch aufragende Wände mit grellbunten "Dschungelbuch"-Malereien. Kein Mensch ist drinnen zu sehen. Aber jetzt kommen von der gegenüberliegenden Seite auch die andern aus der Stadt, von überall her, und über die Straße herüber, einer nach dem andern, schleppenden Schritts, übernächtigt, wortkarg. Der Verkehr dröhnt, selten tut sich eine Lücke zwischen den Autos und Bussen auf, durch die hindurch man die Straßenseite wechseln könnte. Sie teilen dieselbe Ungeduld, hinein zu kommen. Endlich scheppert die Glocke vom Turm der Kirche, deren staubige Backsteinwand den Patio auf einer Seite abschließt: Jetzt ist es so weit, die Kette rasselt, und das Tor wird von innen geräuschvoll entriegelt - aber nur einen spaltbreit. Nicht alle dürfen hinein. Warum nicht? Die Ausgeschlossenen werden es schon wissen. Draußen bleiben die Älteren, über Achtzehnjährigen, auch Mädchen haben hier nichts zu suchen. Die Abgewiesenen schimpfen verhalten, dann drohend, sie stoßen Verwünschungen aus, lungern noch Stunden danach am Tor herum. Wer drinnen ist, gibt die Kleberflasche ab, auch Messer und Schlagringe wird man los. Später soll jeder sein Eigentum zurück bekommen. Jetzt gilt nur eins: sich hinlegen, in der Ecke zusammenrollen wie ein Embryo, schlafen und sich dabei geschützt und sicher fühlen.

Der Patio, ein ehemaliger Schulhof hinter einer ausgedienten schmutzigen Schulkaserne mit hallenden Schulsälen ohne Möbel und voller Staub ist der Treffpunkt der Straßenkinder mitten in der kolumbianischen Millionenstadt Medellín: offen genug fürs Kommen und Gehen, geschützt genug, um sich entspannt ausruhen zu können von der Anspannung und den Gefahren des Lebens draußen. Platz für 50 bis 60 Minderjährige zwischen 8 unter 18 Jahren, unter ihnen Kinder, die mehr als einmal dem Tod begegnet sind, Kinder, die vor dem Tod fliehen; Kinder, die selbst getötet haben und Kinder, die sich hier verstecken, um nicht getötet zu werden. Kinder, die töten werden, wenn es ihnen angebracht erscheint und wenn es denn nun sein muss. Toiletten- und Waschräume gibt es dort, eine Küche und ein Essraum, daneben ein vergitterter Käfig, in dem sich Kleider und alte Schuhe stapeln. Stunden vergehen, bis alle aus dem Drogenrausch aufgewacht sind, sich geduscht, die Kleider gewaschen und in der Sonne aufgehängt haben. Sie trinken den heißen, aus wenig Milch und viel Wasser bereiteten Kakao in großen Plastikschalen, in die sie das weiße Brot in Brocken tunken. Dann ist Zeit für Beschäftigung aller Art, Ausbesserungen an Hosen und Schuhen, Körperpflege, Spiele, Gespräche, die üblichen Streitereien.


2. Narben auf der Haut - das Gedächtnis des Körpers

Mit Straßenkindern ins Gespräch zu kommen, ist nicht allzu schwer, es braucht nur etwas Zeit, Geduld und eine gewisse Zuwendung. Wenn man ihnen zuhört, sind sie rasch beim Erzählen. Mehr als alles andere lieben sie es, den Körper zur Schau zu stellen, insbesondere ihre Narben zu zeigen und zu berichten, wie es zu diesen und jenen Verletzungen an Schultern, Armen und Beinen gekommen ist. Damit das Gespräch in Gang kommt, braucht es kaum angestrengter Fragen. Die Kinder und Jugendlichen führen selbst von einem Punkt zum nächsten, und andere, die gerade zuhören, fallen mit eigenen Erlebnissen und Beobachtungen ein.

Die Haut der meisten Straßenkinder ist gezeichnet von verheilten Verwundungen, die von Schlägen und Messerstichen, Gewehrkugeln und Verkehrsunfällen herrühren. Ohne Umschweife beginnen sie, über ihre Narben zu sprechen: Sieh hier und da, was mir passiert ist! Wenn sich gebührende Erregung eingestellt hat, schlüpfen sie aus Jacke und Ärmel des Hemdes, machen den Hals oder die Schulter frei - da gibt es noch diese, dort jene Verletzung -, um ihren Berichten Nachdruck zu verleihen. Die Kinder und Jugendlichen der Straße brauchen Zuhörer, und sie zweifeln nicht daran, dass ihre Geschichten wert sind, erzählt und angehört zu werden. Sie tun es mit gewissem Stolz. Dabei fühlt sich, wer ihnen lauscht, wie in einem Tunnel ohne Kehre, ohne Zurück, ohne Ausweg. Sie aber lieben es, ihren Körper vorzuzeigen, ihn aufzublättern wie ein Familienalbum, in dem sie nicht nur die Rolle der Malträtierten, sondern auch der Helden spielen.


Inhalte. Ohne nennenswerte Lenkung durch Fragen wollen die jungen Straßenbewohner selbst ihre Narben zeigen, von den Verwundungen erzählen, ihren Körper zur Sprache bringen. Sie äußern sich spontan, die Unterhaltung braucht nicht erst mühsam in Gang gesetzt zu werden. Nicht der Gesprächspartner führt den Gedankengang, sondern das betroffene Kind; es ergreift die Initiative und behält sie in der Hand, setzt das Gespräch fort oder bricht es ab.

Die Straßenkinder sprechen dabei über vielerlei, über ihre Herkunftsfamilie, über das Leben im eigenen Viertel, über Streitigkeiten, über Beziehungen und Beziehungsprobleme, übers Verliebt-Sein und über Liebesleid, über ihre Anschauungen zu diesem oder jenem Problem, über die eigene Einstellung und über die Dankbarkeit Gott und der Welt gegenüber, weil sie noch leben, aber auch über Wut, Hass und den Wunsch, sich wegen dieser oder jener Ungerechtigkeit fürchterlich zu rächen. Das Gespräch kommt auch darauf, wie man sich das weitere Leben und Überleben vorstellt. Straßenkinder wollen eine Ausbildung machen, einen richtigen Beruf erlernen, Unternehmer, Soldaten, Geschäftsleute werden und vor allem reichlich Geld verdienen, sie wollen eine Familie gründen und selbst einmal viele Kinder haben.

Theorie. Im Verlauf des Gesprächs begreift man mit einemmal, dass der Körper des Kindes die Chronik seines Lebens darstellt. Die Narben sind wie belichtete Filmstreifen, eingelassen in die Haut, die durchs Erzählen gleichsam entwickelt und sichtbar werden wie Fotografien. Jedem Straßenkind ist der eigene Körper Gefäß und Text der Erinnerung, die Haut ein einzigartiges, oft mehrfach überschriebenes Palimpsest, das die biographische Wirklichkeit in ihrem historischen Kontext, die realen Erfahrungen ihrer Träger aus dem Dunkeln, das sie üblicherweise umgibt, heraustreten lässt .

Zu jeder Narbe gehört eine Geschichte - es sind Geschichten von Kämpfen, überstandenen Bedrohungen Überfällen, handfesten Zurückweisungen. Während sie sich ausziehen, ihre Haut zur Schau stellen, wird spürbar, dass sie sich auch innerlich entblößen und ihre Gefühle und Erfahrungen, ihr Leiden und ihre Schmerzen offen legen: Sie sprechen von ihrer Angst, ihrem Zorn und ihrem Hass. Während sie mit dem Finger die Konturen der Einschreibungen in die Haut nachzeichnen, rücken sie näher heran. Stimme und Gesichtsausdruck verändern sich. Es scheint dann, als würden sie von einer vergessenen Angst noch einmal gepackt, vom einstigen Zorn noch einmal geschüttelt. Die äußerlich sichtbaren Zeichen vergangener Geschehnisse sind wie eine geheimnisvolle Schrift, die nur der entziffern kann, der sie auf der Haut trägt.

Die Haut ist die Nahtstelle zwischen außen und innen. Wie in eine natürliche Leerstelle, die die Zeit nach und nach auffüllt, schreiben sich die Erfahrungen der Straßenkinder in den Körper ein - Leiden bleibt als Wunde, Narben als Chiffren der Leidenserfahrung, die Erinnerungsspuren des Schmerzes. Die Schmerzbeschriftung schafft Gedächtnis, ihre Körper sind Schmerzgedächtnis. Je heftiger der erfahrene Schmerz, um so unvergesslicher, unauslöschlicher die Erinnerung. Nur was nicht aufhört, weh zu tun, bleibe im Gedächtnis, meinte Nietzsche . Aus der in die Haut eingelassenen Schrift ist die Erfahrungsgeschichte der Straßenbewohner als Geschichte des Schmerzes zu buchstabieren.

Die Narben der Straßenbewohner bleiben ihnen als Zeichen der Aneignung des Schmerzes erhalten, ein wichtiger Besitz. Sichtbar weisen sie hinfort aus, dass der erfahrene Schmerz die Basis bildet für das, was die Kinder sind und sein werden - Grundlage ihres Wissens, ihrer Sehnsucht und der sie häufig überschwemmenden Resignation - "estoy amurajado", sagen sie oft in ihrer eigentümlichen Straßensprache, ein aus dem in Medellín heimischen Tango entlehnter Begriff, "ich bin traurig und deprimiert".

Das Körpergedächtnis der Straßenkinder ist ein Archiv des Elends, zum großen Teil von Schmerz und Leid. Ihre Haut ist ein überhörter, beiseite geschobener, zum Schweigen gebrachter Text, den zur Kenntnis zu nehmen sich für kaum jemanden lohnt; meist ist ja auch niemand da, der die Geschichten, die er beinhaltet, hören will. In diesem Körper sind, wenn auch meist verborgen, aber auch Hoffen, Glück, Lust, Liebe und Freude eingeschrieben. Auch diese Geschichten muss man hören.

Der Schmerz des Körpers ist die Grundlage ihrer Imaginationen, ihrer Kreativität und der Vergeblichkeitsgefühle. Geprägt von der Lebensgeschichte, ist ihr Körper ein geschichtlich befrachteter Ort, Niederschlag der eigenen Biographie, aber auch der Geschichte der Stadt, der Geschichte des Landes.

(ergänzen: Kultur. Gedächtnis und Erinnerung; Körper als Text)

Methode. Straßenkindern zuzuhören, wie sie über ihre Narben und Verletzungen sprechen - dies erweist sich als die privilegierte Methode der Annäherung an sie, des Zugangs zu ihrer Welt. Die Gespräche sind naturgemäß unsystematisch, unvollständig, unvorhersehbar. Sie folgen dem zufälligen Blick auf die Einschreibungen in der Haut. Im Nachhinein betrachtet, weisen jedoch immer wieder in drei Richtungen:
1. Sie erschließen die empirische Wirklichkeit des Straßenkindes und geben Aufschluss über seine Vergangenheit und Gegenwart, aber auch über seine Zukunftsvorstellungen.
2. Die Möglichkeit, über seine Narben zu erzählen, schafft dem Kind Erleichterung. Es steht ja unter dem Druck seiner Erfahrungen und Erlebnisse und möchte sich ausdrücken. Gelingt dies, so macht sich Befriedigung breit, Erleichterung wird sichtbar. Manches Erlebnis, das zu einer Verletzung führte, ergibt, recht betrachtet, tatsächlich eine wahre Heldengeschichte. Dessen bewusst zu werden und dieses Bewusstsein auszudrücken, bestärkt das eigene Selbstbewusstsein. Manche Erfahrung hat ein regelrechtes Trauma hinterlassen. Dessen Mitteilung kann, gerade wenn sie schwer fällt, entspannend, ja heilend wirken
3. Wenn die Gespräche dem Zuhörer ein Verständnis für die fremde Welt des Straßenkindes erschließen und dabei auch Aufschluss über das geben, was diese Kinder und Jugendliche brauchen, was sie haben und können und was ihnen aber auch noch fehlt, so können Defizite und Lerninteressen erkannt werden - insofern sind die Gespräche auch von pädagogischem Nutzen.

a) Körpergedächtnis und empirische Wirklichkeit. Die Narben der Straßenkinder sind biographische Zeugnisse, Quellen der Lebensgeschichte, die indirekt auch über die Zukunftswünsche ihrer Träger Aufschluss geben. Für die jungen Straßenbewohnern sind diese Narben ein Schatz, sie hüten ihn wie einen Reliquienschrein, in dem die Erzählungen verborgen liegen, die davon handeln, wie sie trotz allem am Leben geblieben sind.

Wenn Straßenkinder erzählen, erwecken sie mitunter den Eindruck, als gingen Fantasie und Wirklichkeit ineinander über, ohne dass sich das eine vom anderen deutlich trennen ließe. Trügt sie die Erinnerung oder wollen sie nur Eindruck machen und aufschneiden? Gedächtnis ist das Vermögen, eine bestimmte Weise des Erlebens, des Denkens und Fühlens zu wiederholen. Wer aber kann des Erinnerten gewiss sein? Gegenüber dem Gedächtnis des Kopfes hat das Gedächtnis des Körpers immerhin den Vorteil, dass es den Beweis seiner Wahrheit als sichtbares Abzeichen vor sich her trägt: Sieh diese Narbe an und glaube mir! Zweifel sind unangebracht. Entgegen der Flüchtigkeit des Gedächtnisses und dem Vergessen mit der Zeit halten die Narben der Straßenkinder die Erinnerung daran wach, was wirklich geschehen ist. Beim Erzählen stellt sich dieselbe Atemlosigkeit und dieselbe Erregung, die Angst und die Freude der Rettung oder auch Gefühle des Hasses und der Rache wieder ein, die die Protagonisten damals empfanden. Indem sich beim erinnernden Erzählen die ursprünglichen Gefühle wieder beleben, dienen die Narben dem Erzähler zur Selbstvergewisserung angesichts des bisweilen auch für ihn selbst Unfassbaren. Wenn er auf seine Narben verweist, unterstreicht er den Anspruch, dass man ihm glaubt. Die Einzeichnungen in die Haut erbringen den Beweis dafür, dass er nicht lügt.

Naturgemäß ist die Wahrheit des Erinnerten nicht nur an die korrekte Abbildung des sichtbar Vorgefallenen gebunden, auch das innere Erleben ist wahr und kehrt zurück: Gefühle, Wünsche, Phantasien. Deshalb besteht die Wahrheit der Geschichten der Kinder und Jugendlichen in einer Mischung aus äußerlich und innerlich Vorgefallenem, aus Erlebtem und Erwünschten, Erhofftem und Gefürchtetem. Was über die äußere Wirklichkeit hinausschießt, ist eine Dimension innerer Wahrheit, keine Lüge.

Betrachtet man die Narben genauer, so stellt sich heraus, dass sie von unterschiedlicher Art sind:
(1) Die ältesten, verwachsenen, am wenigsten sichtbaren und gleichwohl unauslöschbar eingeprägten, rühren aus früher und frühester Kindheit her, Zeichen der Erziehungsanstrengungen der Eltern. Die Kinder pflegen ihnen keine besondere Bedeutung beizumessen. "Das ist doch gar nichts, nicht der Rede wert!" In Wirklichkeit gibt die Entzifferung dieser Narben oft Aufschluss über die meist verborgene, verschleierte und leicht vergessene Disziplinierung und doch kaum gelungene Reglementierung des Körpers der Kinder und Jugendlichen. Straßenkinder haben seit frühester Lebenszeit traumatisierende Erlebnisse überstanden: Vernachlässigung, Missbrauch und Verbrechen der Eltern, Tod und Töten, Verstoßung und Ausgesetzt-Werden.
(2) Zahlreicher sind die größeren Narben, die vom Leben auf der Straße herrühren; eingekerbte Zeugnisse des täglichen Überlebenskampfes, gelungener oder missglückter Räubereien und Diebstähle von Nahrung, Kleidung und Drogen - Notizen auf der Haut, für deren Niederschrift der Platz nicht immer ausreicht. Diese Zeichen bezeugen das konflikthafte Miteinander der Straßenkinder mit anderen Straßenbewohnern und vor allem mit den besser gestellten Bewohnern der Stadt. Viele Menschen fühlen sich von Straßenkindern belästigt und bedroht, und sie sind es ja auch wirklich. So wehren sie sich. Mit Knüppeln, Messern und Pistolenkugeln schreiben sie ins Gedächtnis der Haut dieser jungen Kriminellen wie in eine Folie das ein, was die Kinder in Zukunft zu tun und zu unterlassen haben. Der den Kindern bereitete Schmerz dient der Abschreckung, die Wunden sind Brandmarkungen zur Strafe. Für immer bleiben die Narben als ausgrenzende Stigmatisierung erhalten.
(3) Mancher Einschnitt in die Haut steht stellvertretend für einen Einschnitt in die Biographie des Kindes, FÜR Vorfälle, nach denen nichts mehr so war wie zuvor. Es gibt Narben, die von Streitigkeiten in der Kinderbande ("gallada", "barra", "parche") herrühren - Erinnerungen an den Kampf um Anerkennung und Gunst der Gruppe, um Zugang zu den anderen und Raum zwischen ihnen, um eine Chance also, auf der Straße überhaupt überleben zu können: Investitionen in der Hoffnung auf Geborgenheit, Zustimmung und Schutz. Da finden sich die Hinterlassenschaften nächtlicher Messerstechereien zwischen den Genossen der Gruppe im Drogenrausch, wenn Streitereien plötzlich aufflammten, unvorhersehbar und ohne erkennbaren Anlass.

Die Narben der Kinder sind individuelle biographische Zeugnisse. Darüber hinaus aber spiegelt sich in dieser Körper-Schrift auch die nähere und fernere Geschichte wider, Entwicklungen in der Umgebung, in der Stadt und im Land. Die Jungen, die sich am Tor des Patios die Fäuste wund schlagen, sind, ohne es zu wissen, auch Opfer der Geschichte Kolumbiens und ihres Kontinents, gezeichnet von den politischen Entscheidungen ihrer Regierungen in der Vergangenheit wie in der unmittelbaren Gegenwart.

b) Therapeutische Bedeutung. Erinnern ist mehr als Memorisieren. Das Gedächtnis des Körpers ist jene Instanz, von der aus gewagt wird zu leben, wahrzunehmen und zu erkennen - oder eben nicht. Die eigene Körpererfahrung des Menschen ist die Grundlage dafür, wie er sich selbst, seine Umwelt und die anderen erfährt: als Chance oder als Gefahr, als Glück oder als Bedrohung. In seinem Körper gründen die Erinnerungen daran, was war, die Sicht dessen, was ist und die Vorstellungen davon, was kommt, das heißt, die Grundmarkierungen der Weltanschauung, der Philosophie und der Religion und damit auch das Maß an Zuversicht und Hoffnungslosigkeit.

Über den Körper, die oft misshandelte Instanz, die in Sprache verwandelt werden kann und will, weil sie Geschichte und Erfahrung lebendig hält, gewinnt der Zuhörer Zugang und Verständnis für die fremde Welt des Straßenbewohners, für den Hunger und Krankheit, Gefahr und Gewaltanwendung zum Alltag gehören. Aus dem Text der Kinderhaut werden Geschichten über verweigertes Mitgefühl, über permanente Bindungslosigkeit, über äußeres und inneres Leiden herausbuchstabiert. Dieses Elend, im Übermaß erlitten, ist keine positive Grundlage, auf der ohne weiteres weiter gebaut werden könnte; es füllt das Körpergedächtnis vielmehr negativ auf. Das in den Körper eingeschriebene unmäßige Leiden zerbricht die Abwehrkräfte und verhindert Stärke; eruptiv bringt es immer wieder Unkontrollierbares hervor. Was die Kinder erlebt haben, hat sie einsam und krank gemacht. Davon zeugen äußere und innere Wunden, neben den Narben auch häufig lebensbedrohliche körperliche Symptome, Ausschläge, Atembeschwerden, ganz zu schweigen von anderen Auffälligkeiten unklarer Herkunft. Ihr Verhalten ist oft unvorhersehbar, ihr Gemütszustand schwankend. Es ist schwierig, ihre Entscheidungen vorherzusehen und zu verstehen. Vieles bleibt unbegreiflich. Das Übermaß an erfahrener Gewalt nährt die Neigung, Gewalt und Zerstörung unaufhaltsam zu reproduzieren.

Angesichts dieser Gegebenheiten bleibt auch dem psychologisch geschulten Gesprächspartner kaum mehr, als Zuwendung und Zeit zu investieren. Straßenkinder haben wie ihre "normalen" Altersgenossen den Wunsch, dass jemand mit ihnen fühlt. Wenn die Empathie des Zuhörers beim Lauschen der Geschichten und beim Betrachten ihrer Haut den ursprünglichen Schmerz der Verwundung noch einmal lebendig werden und das einstige Leiden des Gequälten präsent sein lässt, wird die Leiderfahrung im Mitgefühl eines andern für den Erzähler selbst bedeutsam und schafft die Voraussetzung, sich seines eigenen Wertes ein Stück weit sicherer zu werden - mehr Selbstbewissheit aber öffnet den Blick für eine bessere Zukunft. Die Archäologie des Körpers, die anhand der sichtbaren Körperspuren die unsichtbaren Erinnerungen erschließt, verwandelt den Körper von einem passiven Medium in einen Ausgangspunkt von etwas Neuem: Er wird zum Impulsgeber des Aufbruchs.

Der Weg des Gesprächs führt vom Körpergedächtnis der nicht verarbeiteten Erinnerung zur narrativen Aneignung von Erfahrung, die dem Straßenkind die erlebten Vorgänge auf neue Weise zu eigen machen. Das Gespräch mit den Straßenkindern basiert auf der Hoffnung, dass Erinnern heilen kann oder den Wunsch nach Heilung weckt. Als erinnerndes Gespräch im Nachzeichnen der Narben dient es vornehmlich dem Nachholen von Gefühlen. Deshalb werden die Worte über das Geschehene die Situation des betreffenden Geschehens in Erinnerung rufen und die damit assoziierten Gefühle verlebendigen. Das Gespräch weist den Weg zum ursprünglichen traumatisierenden Erlebnis, indem es dem Körper den Schmerz seiner Geschichte erinnerlich macht. So kommt wieder Leben in die verheilten Narben, die der Finger gefühllos lässt, wenn er darüber streicht wie über eine abgestumpfte Erinnerung.

Seine eigenen Narben rezitieren, um das Ungesagte hörbar zu machen, kann durchaus heilsam sein. Das hängt damit zusammen, dass die Sprache selbst körperhaft ist. Ihre Wurzeln gründen in körperhaften Affekten und existentiellen Situationen. Sie bereitet den Zugang zu körperlichen Prozessen, weil sie selbst leiblich verankert ist. Die primäre Funktion der Sprache ist nicht Weitergabe bloßer Information, sondern Ausdruck von Gefühlen. Worte, die Bedeutung haben, sind emotional aufgeladen. Deshalb kann das Gespräch zum Ort und zur Methode werden, um traumatische Erlebnisse zu erinnern, zu verlebendigen und sie vielleicht auch zu verarbeiten, zumal wenn es von den Affekten begleitet wird, die die Traumen bewirkten.

Das früher einmal Geschehene wird lebendig bleiben, aber es wird das Kind nicht mehr knebeln. Man kann die Kinder und Jugendlichen nur sprechen lassen, versuchen ihren Worten zu folgen und ihnen Aufmerksamkeit zu schenken. Vielleicht gelingt es ihnen dann selbst, ihren körperlichen Symptomen sprachlichen Ausdruck und damit einen Sinn zu verleihen. Wenn im Gespräch über Körper und Haut, Narben und Verletzungen die einstigen Schmerzerfahrungen wiederholt, ausgesprochen und betrachtet werden und wenn sie dabei Geltung und Bedeutung erlangen, kann das Verhängnis unterbrochen werden und Heilung einsetzen. Die geschichtlich-biographische Aufarbeitung der Erfahrungen wirkt heilend, wenn sich die jungen Straßenbewohner die eigene Vergangenheit gleichsam vom Leib reden können. Dann wird die übermächtige und lebensbedrohliche Erinnerung durch Sprache exorziert, nicht etwa, damit das Geschehene verschwindet oder verblasst, sondern damit es unter Trauer integriert werden kann.

c) Pädagogischer Ertrag. Die Entzifferung der Einschreibungen in den Körper nützt dem Straßenkind, aber auch dem Gesprächspartner. Es erschließt ihm ein fremdes Dasein, individuelle, je eigene und einmalige Wirklichkeiten; aber jede einzelne Existenz ist auch geprägt vom Umfeld, der näheren und ferneren Umgebung des Kindes, dem Viertel, in dem es sich meist aufhält, der Stadt, deren Dynamik seinen Alltag prägt, dem Land und seiner Politik, dessen Vergangenheit und aktueller Entwicklung. Die Narben des Kindes sind deshalb auch Zeugnisse der kulturellen, sozialen und politischen Geschichte seiner Welt. Der Gesprächspartner lernt so das Kind mit seinen besonderen Fähigkeiten, aber auch Bedürfnissen und Defiziten kennen. Er macht sich ein Bild von dem, was das Kind an pädagogischer Unterstützung und Förderung braucht.

Von den drei Dimensionen bei der Entzifferung der Narben auf der Haut - der empirischen, der therapeutischen und der pädagogischen - interessiert hier lediglich die erste. Die zweite und dritte bleiben späterer Betrachtung vorbehalten.