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Patio 13Schule für Straßenkinder
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Gespräche mit Straßenkindern

Hartwig Weber

Gespräche mit Straßenkindern


Gespräch 1:
FRAGE: Darf ich mich zu dir setzen?
JUNGE: Na klar. Setz dich.
FRAGE: Du bist doch der Junge, der im letzten Oktober in Behandlung war wegen eines gebrochenen Beines, nicht wahr?
JUNGE: Ja, ich habe das Problem schon seit langer Zeit. Gott sei Dank habe ich jetzt Krücken bekommen, und jetzt kann ich endlich wieder laufen.
FRAGE: Was ist dir denn passiert?
JUNGE: Eines Tages hat mich ein Auto angefahren, als ich ganz benebelt war ("iba trabado"), da ist das Bein gebrochen. Es ging mir schlecht, und sie brachten mich zur Notfallstation. Sie haben mir ein paar Gewichte angehängt, dann wurde ich operiert. Sie haben mir diesen Gips dran gemacht und diesen Apparat hier. Aber es will und will nicht heilen.
FRAGE: Solche Verletzungen dauern immer sehr lang; du musst eben Geduld haben und gut auf dich aufpassen.
JUNGE: Ach was, ich weiß nicht, ob dieser Arzt überhaupt etwas von der Sache versteht. Jetzt sagt er auch noch, dass er mich noch einmal operieren will. Ich lasse mich doch nicht ganz kaputt machen. In der Stunde der Wahrheit wissen die mehr, die einen mit Gesundbeten heilen ("A la hora de la verdad saben más los que rezan". Denn mindestens sie bringen einen wieder in Ordnung.
FRAGE: Woher weißt du das?
JUNGE: Schau mal - siehst du dese Narbe?
FRAGE: Klar. Was ist dir da passiert?
JUNGE: Als ich noch ganz klein war, habe ich immer ins Bett gemacht, und meine Mama hat mich sehr geschlagen. Eines Tages, als ich mich wieder nass gemacht hatte, bekam ich solche Angst, dass mich meine Mama wieder schlagen würde, und da beschloss ich abzuhauen. Und deshalb bin ich zum Fluss gegangen, stieg ins Kanu, machte den Motor an und fuhr flussabwärts. Da kam ich zum Haus der Dicken ("llegué a la casa de la gorda"), dort blieb ich eine zeitlang und wohnte bei ihr.
FRAGE: Das war eine Bekannte von dir?
JUNGE: Ja, ich habe sie gekannt, eine gute Frau ("es buena gente"). Ich bin ihr zur Hand gegangen und habe ihr mancherlei geholfen. Aber eines Tages habe ich wieder ins Bett gemacht, und ich wusste schon, dass sie ihren Sohn immer schlug, wenn dem das passierte, und ich sagte mir: Diese Alte ist sehr groß; wenn sie mich schlägt, bringt sie mich um ("Me dije: Esta vieja es muy grande y si me casca acaba conmigo"). Besser, ich haue ab. Ich versteckte mich in einem Gestrüpp, aber dort biss mich eine Schlange. Ich war so erschrocken, dass ich heulend zurück lief. Da brachten sie mich zu einem Mann, der mich gesund betete. Er heilte meine Wunde. Mit einem Messer, das er im Feuer erhitzte, machte er ein verdrehtes Kreuz ("me hizo como una cruz torcida"), saugte das Blut mit seinem Mund heraus, spuckte es aus, legte einige Kräuter darauf und schickte mich weg. Als dies mein Vater erfuhr, kam er und nahm mich zurück nach Hause. Aber ich habe mich dort nicht mehr wohlgefühlt. Sie kommandierten mich herum und schimpften mich aus. Und wenn man immer eine solch verrückte Angst hat, sich einzunässen, und dann das andauernde Geschimpfe und die Schläge ("y uno con ese miedo tan verraco de amanecer mojado para que lo agarraran a cantaleta y a coscorronazos") ...
FRAGE: Und dann, wie ging es weiter?
JUNGE: Ich habe mich mit einigen Männern befreundet, die schon mal nach Medellín gefahren waren, und eines Tages beschloss ich, auch dorthin zu gehen. Ich fing an, auf der Straße zu schlafen und lernte, Drogen zu nehmen, zu betteln und zu stehlen. Aber das soll nicht so bleiben, ich will weiter kommen.
FRAGE: Wie willst du das erreichen?
JUNGE: Ich würde gerne auf einem Hof arbeiten. Ich kenne mich gut mit der Viehzucht aus: Ich kann melken, kann den Kühen Zecken aus der Haut ziehen, kann Vieh hüten. Aber ich würde auch gern zum Militär gehen - Waffen handhaben, das wäre toll. Aber ich weiß nicht, ob die mich überhaupt nehmen würden. Ich glaube, zuerst muss ich einmal lesen und schreiben lernen.


Gespräch 2:
(Der Junge sitzt am Boden, die Beine angezogen, und bläst über eine Hautabschürfung am Knie.) FRAGE: Tut es sehr weh?
JUNGE: Nicht besonders. Es brennt, weil es jetzt heilt.
FRAGE: Du hast ja schon viel Erfahrung mit Wunden, nicht wahr?
JUNGE: Ave María, pués! (Der Junge zieht das Hemd bis zum Hals hoch und zeigt Schultern, Arme, Beine und einige Narben am Kopf.)
FRAGE: Und?
JUNGE: Diese da (er zeigt auf eine große Narbe auf der Schulter), die habe ich mir eingefangen ("me la gané"), als ich jemanden verteidigte.
FRAGE: Erzähl mal!
JUNGE: Das kam so, stell dir vor: Eines Tages, als ich sehr Hunger hatte, da bot mir ein Priester ("el monje") etwas zu essen an, und er setzte sich zu mir auf den Bürgersteig, und wir redeten miteinander. Da kam ein anderer Junge; er sah, dass der Priester abgelenkt war und nützte die Situation aus. Der Typ war so hintertrieben, dass er seine Hand in die Tasche des Priesters hinein steckte, um ihm die Geldbörse zu klauen. Stell dir das mal vor! Wie sollte ich das denn zulassen, wo doch der Priester mein Freund war und mir geholfen hat. Ich nahm also mein Messer und stach zu, aber der andere hatte auch eines und stach auch zu, und er hat mich schwer verletzt.
FRAGE: Wer hat sich dann um dich gekümmert?
JUNGE: Na ja, der Priester eben. Der war wie ein Engel. Er hat mich ins Krankenhaus gebracht und ist so lange geblieben, bis sie mich versorgt hatten.
FRAGE: Als dir das passierte und sie dich verletzten, bist du da dann nicht ganz arg erschrocken, als du das viele Blut gesehen hast? Hattest du Angst, du könntest sterben?
JUNGE: Sieh mal, wenn sie dich verletzen, dann ist das so, als würdest du von innen verbrennen. Man fühlt einen Zorn, einen riesigen Hass, so dass man nichts mehr sehen und denken kann - man will sich bloß noch rächen. -
Schau mal, hier (er zeigt auf den linken Oberarm), das passierte mir, als so ein paar Typen eine Schießerei und einen Überfall machten. Mich hat eine Kugel erwischt. Ich war so am Ende und wäre sicher verblutet, wenn mich nicht ein Freund ("parce") in der Nähe gewesen wäre. -
Und die hier (erzeigt auf eine andere Narbe am Bauch), die stammt von einer anderen Verletzung.
FRAGE: Ja?
JUNGE: Das kam so: So ein Kerl hatte den Plan, einen Einbruch zu machen. Wir kamen überein, dass ich Schmiere stehen sollte, während er die Sache erledigte. Als er das Geld hatte und zurück kam, ging er plötzlich mit dem Messer auf mich los - er wollte nicht mit mir teilen. Dafür habe ich ihn später fertiggemacht...
FRAGE: Und diese Narbe da auf deiner Hand?
JUNGE: Ach was, die ist aus der Zeit, als ich noch ein kleines Kind war. Da schickten sie mich, eine Limonade kaufen. Ich bin gestolpert und hingefallen. Die Flasche ist zerbrochen, und ich habe mich an den Scherben verletzt. -
Aber die hier (er zeigt auf eine Narbe im Gesicht) - da musste ich meine kleine Schwester verteidigen. Es gab so einen Typ, der hatte überhaupt keinen Respekt vor ihr. Ich sagte ihm: Was du mit ihr hast, hast du mit mir! Und dann haben wir es uns hart gegeben. Weißt du, auch wenn du in Gefahr wärst, würde ich dasselbetun: Was dir einer antut, tut er mir an.


Gespräch 3:
FRAGE: Heute siehst du aber hübsch aus. Du hast dich fein gemacht. Gibt's dafür einen besonderen Anlass?
N: Es gefällt mir eben, gut auszusehen.
FRAGE: Und warum sitzt du hier am Rand des Spielfeldes herum und spielst nicht mit?
JUNGE: Na ja, es macht mir Mühe, den Ball aufzufangen, weil ich mit dieser Hand da überhaupt keine Kraft habe (Er zeigt auf seinen linken Arm, der kleiner ist als der andere).
FRAGE: Was ist damit?
JUNGE: Das ist so: Bevor ich geboren worden bin und noch im Bauch meiner Mama drin war, da ist diese ganze linke Seite abgestorben.
FRAGE: Aber mit dem linken Bein hast du ja keine Probleme?
JUNGE: Ja. Das habe ich meiner Mama zu verdanken. Sie hat mich zum Arzt gebracht und hat viele Übungen mit mir gemacht. Das hab ich ihr zu verdanken.
FRAGE: Du magst deine Mama gern, nicht wahr?
JUNGE: Und ob! Das was ich bin, verdanke ich ihr.
FRAGE: Aber lebst du denn auch bei ihr?
JUNGE: Ich würde gerne zu Hause sein. Aber das geht nicht. Die sind nämlich hinter mir her und wollen mich umbringen Wenn ich nach Hause ginge, würden sie mich sofort töten.
FRAGE: Warum denn das?
JUNGE: Der Grund ist folgender: Ich habe einen Kerl getötet. Der hat mich immer aufgezogen und auf mir herumgehackt. Er hat mich ausgelacht und mich lächerlich gemacht wegen meiner Hand. Aber dafür kann ich nun wirklich nichts. Da nahm ich den Stock eines Regnschirmes. Ich habe ihn unten ganz spitz gemacht und ihn im Hosenbein versteckt. Nun habe ich nur noch auf eine gute Gelegenheit gewartet, und die kam schnell. Ich habe mehrere Male zugestoßen, und der Kerl war tot.
FRAGE: Und wann ist das passiert?
JUNGE: Vor etwa neun Monaten.
FRAGE: Aber du bist ja noch sehr jung?
JUNGE: Zwölf bin ich. Du brauchst nicht zu erschrecken. Wenn etwas sein muss, muss es sein. Man darf sich nicht auf der Nase herum tanzen lassen. Meine Mutter war dann die erste, die mir geholfen hat abzuhauen, damit die Freunde des Kerls, den ich getötet hatte, sich nicht an mir rächen konnten. Klar, für meine Leute war das bitter. Die haben nämlich wegmüssen, sie mussten unser Häuschen aufgeben. Das hatten wir in Moravia selbst gebaut. Als die Typen mich nämlich suchten und nicht fanden, bedrohten sie meine Familie, aber ich hatte mich aus dem Staub gemacht, ohne dass irgend jemand wusste, wohin.

Gespräch 4:
FRAGE: O, du warst beim Frisör?
JUNGE: Na klar. Ich habe mich fein gemacht. Ich will nämlich meine Mama besuchen. Sie haben sie eingesperrt, sie ist im Gefängnis.
FRAGE: Weshalb denn das?
JUNGE: Das kam so: Wir haben von den Leuten, die bei uns im Barrio Geschäfte machen, Geld verlangt ("nosotros cobrábamos vacunas"). Wir hatten einen Revolver und sagten ihnen, dass wir sie und ihre Familienangehörigen töten würden, wenn sie nicht zahlten. Das hat immer gut funktioniert. Aber eines Tages erwarteten sie uns schon, die Polizei kam uns hinterher und erwischte uns auf frischer Tat ("nos cogió las manos en la masa"). Sie brachten uns aufs Revier. Meine Mama sperrten sie gleich ins Gefängnis; mich ließen sie laufen, weil ich ja minderjährig bin. Das ist der Grund, weshalb ich hier gelandet bin. Ich lebe auf der Straße, nehme auch Drogen ("también tiro vicio") und bettle, um überleben zu können. Ich will so viel Geld zusammen bekommen, dass ich es denen eines Tages heimzahlen kann. Ich werde jemandem Geld geben, damit er die Rechnung mit den Verrätern begleicht, die meine Mama reingelegt haben.
Die Reichen haben alles, man muss es ihnen abnehmen. Siehst du nicht, wie sie uns klein machen und erniedrigen. Sie fahren mit ihren schnellen Autos haarscharf an unsereinem vorbei, erschrecken uns und drehen sich dann nicht mal um. (Während er spricht, nestelt der Junge aufgeregt an seinem Hemd herum. Da werden einige Narben auf dem Bauch und an der Schulter sichtbar.)
Siehst du diese Narbe? Die hier hat mir so ein Typ mit einer Flasche beigebracht - wir hatten Streit. Im Laufe der Zeit kommt so eine Narbe zur anderen. Das bringt das Leben mit sich.
FRAGE: Und was hast du gefühlt, als man sie dir beibrachte...?
JUNGE: ... eine Riesenlust, die Kerle fertig zu machen. Aber im Laufe der Zeit, da kannst du sicher sein, werden die offenen Rechnungen ausgeglichen ("pero en las vueltas del camino se ajustan las cuentas").

Gespräch 5:
FRAGE: Was hast du denn hier auf der Schulter? Gleich zwei große Narben nebeneinander?
JUNGE1: Zwei Typen waren das, fast hätten sie mich umgebracht.
FRAGE: Erzähl mal!
JUNGE1: Ich hatte einige Kartons und andere Sachen aus dem Abfall gesammelt und wollte das Zeug verkaufen. Da kamen sie und lachten mich aus deshalb. Sie wollten, ohne den Finger zu rühren, meine Sachen haben, sie verscherbeln und mit dem Geld Drogen kaufen. Sie fielen also über mich her und stachen mit Messern auf mich ein. Das Blut schoss heraus wie verrückt. Aber der Freund dort ("este parce"), der hat mir geholfen: Mit zwei Fingern hat er meine beiden Wunden zugehalten, und so kamen wir zusammen zur Unfallstation ("urgencias"), wo sie mich nähten. (Der angesprochene Freund kommt näher und schaltet sich ins Gespräch ein.)
FRAGE: Und du - hattest du keine Angst, dass sie auch dich angreifen würden?
JUNGE2: Wo denkst du hin? Wie sollte ich meinen Freund im Stich lassen, gerade wenn er es am nötigsten brauchte? Sieh mal, dieser Freund verlor so viel Blut. Was für ein Schreck war das, als es immer schlimmer wurde! Aber dem lieben Gott sei Dank ("pero gracias a Diosito"): wir kamen noch rechtzeitig ins Krankenhaus.
JUNGE1: Aber weißt du, diese beiden Narben - die sind noch gar nichts im Vergleich zu dieser anderen Verwundung hier. (Er zeigt auf eine Narbe auf seinem Schulterblatt.) Einmal war ich von den Drogen völlig benebelt ("estaba con una traba"), und wir legten uns unter eine Brücke zum Schlafen hin. Da kamen einige Kerle, mit denen wir zuvor Streit gehabt hatten, weil wir einen Teil von dem, was wir gestohlen hatten, nicht herausrücken wollten. Sie waren schon länger hinter uns her. Und als sie uns nun schlafend erwischten, schlugen sie uns fast tot.
Diese tiefe Narbe hier blieb davon übrig. Drei Monate lang konnte ich kaum atmen vor Schmerzen. Wenn ich husten musste, sah ich Sterne ("Cuando tosía, veía cucuyos"). Vielleicht war es ja die Seele meiner Großmutter, die mich gerettet hat, denn sie hatten es wirklich darauf angelegt, uns umzubringen ("era para que nos hubieran pasado al papayo").
FRAGE: Und zu Hause - wussten sie etwas von deinen Abenteuern?
JUNGE1: Die hatten keine Ahnung. Dort bekam ich immer nur Schläge.
FRAGE: Wie das?
JUNGE1: Das ist so: Wenn ich benebelt ("trabado") nach Hause komme, mache ich immer wieder Unsinn. Es ist dann gerade so, als wenn ich verrückt wäre. Ich bin dann ganz aufgedreht, und am liebsten würde ich alles, was mir in den Weg kommt, zusammenschlagen. Vor allem, wenn du so unruhig bist, dann ist so etwas in dir drin, das verlangt danach, dass du Drogen nimmst ("algo por dentro que te pide tirar vicio"). Du hast aber kein Geld, um dir welche zu kaufen. Dann macht man irgend etwas, ganz gleich, was. Du nimmst irgendwelche Sachen im Haus und verkaufst oder verpfändest sie.
Das allerschlimmste ("lo más cacharro") aber ist, wenn du später wieder nach Hause kommst, wieder frisch und erholt und ohne dich daran zu erinnern, was du angestellt hast: Dann empfangen sie dich, vor allem der Vater ("el cucho"), wie ein Tiger, er haut dir eine runter und hat keinerlei Mitgefühl und schlägt dir fast den Hintern ab ("hasta dejarlo sin culo a uno"). Da bleibt dir gar nichts anderes übrig als abzuhauen.
FRAGE: Wenn aber eine Zeit vergangen ist, gehst du dann wieder nach Hause zurück?
JUNGE1: Klar! Man treibt ein paar Pfennige ("centavitos") oder ein Geschenk für die Mutter ("cucha") auf, und alles wird wieder gut.
FRAGE: Und wie kommst du an das Geld?
JUNGE1: Indem ich in einer der Werkstätten hier in der Umgebung helfe. Ich weiß viel von diesen Dingen. Ich bin Fachmann für Mechanik. Aber wenn man so heruntergekommen ist wie ich, dann nützen einen die Leute aus. Aber ich werde mich schon nicht unterkriegen lassen ("voy a volver a poner a lo bien").

Gespräch 6:
FRAGE: Warum spielst du nicht mit den anderen?
JUNGE1: Siehst du nicht, dass sie mir einen Schuss verpasst haben - hier auf der einen Seite in die Nase hinein und auf der anderen Seite wieder hinaus. Der Arzt sagt, dass ich blind werden kann und dass ich unbedingt eine Operation brauche, um das Auge nicht zu verlieren.
FRAGE: Und warum haben sie dir das getan?
JUNGE1: Ich weiß nicht. Ich habe auf der Straße übernachtet, und als ich schlief, kam so ein Kerl und hat auf mich geschossen.
(Einige Jungen kommen näher und hören der Unterhaltung zu. Einer mischt sich ins Gespräch ein und sagt:
JUNGE2: Das was ihm passiert ist, das kommt immer wieder vor. Er kann froh sein, dass sie ihn nicht umgebracht haben.
FRAGE: Wie denn das? Erzähl mal.
JUNGE2: Da gibt es einige, die wollen ihre Waffen testen, und sie probieren sie an denen aus, die auf der Straße schlafen. Obwohl sie mit denen überhaupt nichts zu tun haben und sie nicht einmal kennen, schießen sie einfach darauf los, auf jeden beliebigen. Daneben gibt es auch Typen - die wollen zeigen, wie mutig sie sind ("para que coger sangre fría") und wie sie andere umbringen können. Deshalb schießen sie auf die Leute, die sie nicht kennen und die ihnen nichts getan haben.

Gespräch 7:
FRAGE: Hallo! Wo gehst du denn hin?
JUNGE: Mittagessen holen.
FRAGE: Aber es ist doch schon vier Uhr nachmittags?
JUNGE: Dort, wo ich das Essen hole, spielt das keine Rolle. Es ist eigentlich auch nicht für mich, sondern für einen Mann. Der gibt mir dann etwas davon ab.
FRAGE: Und warum holt der es sicht selbst?
JUNGE: Weil er sich hier nicht blicken lassen kann. Die hier haben eine Rechnung mit ihm offen.
FRAGE: Wie denn das?
JUNGE: Na ja, er hat einen anderen Typ überfallen und ihm etwas abgenommen. So ist es zum Streit gekommen, und der andere ist verletzt worden. So etwas regelt sich nicht von selbst. Wenn man nicht will, dass sie einen umbringen, muss man halt verschwinden.
Sieh mal (er zieht sich das Hemd von der Schulter) - mich haben sie auch einmal erwischt (eine tiefe Narbe wird sichtbar.)
FRAGE: Wie kam es denn dazu?
JUNGE: Das ist an einem Tag gewesen, als ich ein paar schöne Scheine zusammengebracht hatte. Das Dumme war nur, dass ich damals noch nicht so mutig war ("todavía no tenía muchas agallas"). Da packten mich so ein paar Typen, die eigentlich meine Freunde ("parces") waren und vermöbelten mich. Wir haben uns gegenseitig ordentlich zugerichtet. Aber sie waren in der Überzahl, und so machten sie mich fertig. Aber ich habe es ihnen nicht leicht gemacht und auch ordentlich ausgeteilt. Dann musste ich mich eine Zeitlang verdrücken, um nicht erneut zusammengeschlagen zu werden.
FRAGE: Und dieser blaue Fleckt da am Knie - was ist damit?
JUNGE: Hast du nicht gehört, was dieser Tage in den "Cuevas" (Höhlen) passiert ist ? Als die Polizei ankam und uns festnehmen wollte, sind wir losgerannt, damit wir nicht Bekanntschaft mit ihren Schlagstöcken ("polillos") machen mussten. Ich lief so schnell ich konnte, aber weil ich an dem Tag ganz benebelt war ("como ese día tenía una traba"), stolperte ich, fiel hin und schlug das Knie auf. -
Aber das ist noch gar nichts! Schau mal, hier, das ist viel schlimmer. (Er zeigt auf eine tiefe Narbe am Schienbein.) Das stammt davon, als ich eines Tages mit einem T-Shirt abgehauen bin, das die hier auf der Straße verkaufen (Er zeigt auf die Fliegenden Händler auf der Straße). Da hat mich ein Motorrad bös erwischt.
FRAGE: Und der Verkäufer des Hemdes, was tat der?
JUNGE: Keine Ahnung. Die Leute machten einen Kreis ("corrillo") um mich, als ich so da lag, und sie brachten mich zur Unfall-Ambulanz ("urgencias"). Hinterher habe ich lange gehinkt. Aber Gott sei Dank ("gracias a Diosito") ist es heute wieder in Ordnung.
FRAGE: Und diese Narben (am Arm und am Hals)?
JUNGE: Die stammen aus der Zeit, als ich noch ein kleines Kind war. Meine Mutter machte empanadas auf der Straße in dem Barrio, wo wir lebten, dort oben in den "comunas" (er zeigt mit einer Handbewegung in Richtung Nordosten der Stadt). Meine Mama musste das Geld beischaffen, weil der Typ, mit dem sie zusammenlebte, nichts taugte ("no servía para nada"). Ich habe von ganz klein auf Sachen in den Bussen verkauft, um meiner Mutter ("cucha") zu helfen. Aber das hat mich verdorben ("pero uno se va danando"). Ich habe mit Drogen angefangen und bin nach Hause gekommen mit gar nichts. Die "cucha" hat mich dann gehauen und gesagt, so brauchte ich überhaupt nicht mehr zurück zu kommen. So musste ich die Nacht auf der Straße verbringen. Ich habe Freunde gefunden und gelernt, wie man dort überlebt. Man gewöhnt sich an alles.
FRAGE: Dann bist du nicht mehr nach Hause gekommen?
JUNGE: Doch. Wenn es mir gut geht und ich etwas Geld habe, schaue ich mal vorbei ("cuando tengo platica me doy la pasadita").

Gespräch 8:
FRAGE: Was ist dir denn da am Auge passiert?
JUNGE: Das ist eine Infektion. Aber ich war schon beim Arzt, und der hat mir Tabletten gegeben.
FRAGE: Du musst gut auf dich aufpassen.
JUNGE: Klar. Ich hab ja nur noch ein Auge. Das andere ist aus Glas.
FRAGE: Wie hast du es verloren?
JUNGE: Das kam so: Ich wollte einen Sprengkörper ("petardo") auf einige Typen werfen, die uns immer angemacht hatten. Der ist mir aber zu früh explodiert. Schau mal, wie mein ganzer Körper zugerichtet ist (Er zieht das Hemd aus; Bauch, Arme, Nacken sind voller Narben; zahllose Splitter sind in den Körper eingedrungen).
FRAGE: Und du weißt, wie man Sprengkörper macht?
JUNGE: Das haben sie mir schon als Kind beigebracht. Ich gehörte zu einer Bande. Als Pablo Escobar noch lebte, ging es uns prima. Aber als sie ihn umbrachten, hat sich alles zum Schlechten gewendet. Wir saßen nur noch an den Ecken herum, nahmen Drogen und schlugen uns die Zeit um die Ohren.
Aber diese Typen von den Kooperativem, die Alvaro Uribe organisiert hat, die die Jugendlichen reintegrieren wollen, die schauten uns schief an; und immer, wenn wir uns begegneten, griffen sie uns an. Dann mussten wir uns aus dem Staub machen. Da überlegten wir, wie wir ihnen eine Falle stellen könnten: Wir wollten sie mit einem Sprengkörper in die Hölle schicken ("poniéndoles un petardo para que volaran a la mierda"). Dann aber ist uns der Sprengsatz in der Hand explodiert, mir und einem anderen Kameraden, und wir waren schlimm verletzt.
FRAGE: Wo ist das passiert?
JUNGE: Im Barrio Andalucía.
FRAGE: Wohnt dort deine Familie?
JUNGE: Ja. Aber ich musste verschwinden. Wenn ich mich dort sehen lasse, bringen sie mich um.

Gespräch 9:
FRAGE: Du bist so schön braungebrannt. Warst du weg in Ferien?
JUNGE: Ja, in Cartagena.
FRAGE: Wie bist du denn dorthin gekommen?
JUNGE: Man erfährt ja, wo die Lastwagen vorbeikommen, die zur Küste fahren, und wenn sie an der Mautstelle halt machen, kann man hinten aufspringen.
FRAGE: Wie hast du erfahren, wo die Lastwagen vorbeikommen und wie man hinauf kommt, ohne dass es die Fahrer merken?
JUNGE: Wenn man klein ist, hört man von den älteren Kameraden, wie sie von ihren Abenteuern erzählen, wie sie ganz leicht nach Cartagena und dort ans Geld gekommen sind.
Das ist so: Man hat Lust aufs Reisen, und dann hängt man sich an die, die schon dort waren. Später macht man das ohne Hilfe anderer.
FRAGE: Und die Lastwagenfahrer sagen nichts, wenn ihr aufspringt?
JUNGE: Na hör mal! Wenn sie es merken, dann schlagen sie zu und lassen dich nicht weiterfahren. Die haben Angst, dass wir ihnen etwas klauen.
FRAGE: Wenn ihr euch versteckt, wie haltet ihr es ohne Essen aus?
JUNGE: Wir springen vom Wagen herunter, kurz bevor er unterwegs hält. Die Fahrer halten an Restaurants. Dort können wir betteln. Wir sagen, dass wir Hunger haben. Fast immer bekommen wir etwas, vor allem von den Frauen, die dort kochen. (Während der Junge erzählt, reckt und streckt er sich, und dabei wird unter dem Hemd eine ziemlich frische Narbe sichtbar.)
FRAGE: Was ist dir denn hier passiert?
JUNGE: Das war am Freitag letzter Woche, da hat mich so ein Kerl von hinten erst gestoßen und dann zugestochen.
FRAGE: "Zugestochen" - das heißt, er hat dich verletzt?
JUNGE: Ja.
FRAGE: Und wie?
JUNGE: Mit einem Taschenmesser.
FRAGE: Warum das?
JUNGE: Wegen einer Flasche "sacol" (Kleber). Er dachte, ich würde ihm den Kleber klauen. Aber das war gar nicht so. Irgendwann werde ich ihn erwischen und es ihm heimzahlen.
FRAGE: Meinst du nicht, es wäre besser, diese Sache auf sich beruhen zu lassen?
JUNGE: Nein, er würde mich weiter bedrohen. Ich habe doch keine Angst vor dem! -
Aber diese Narbe ist noch gar nichts im Vergleich zu dieser anderen hier (er macht den Bauch frei und fährt mit dem Finger die Konturen auf der Haut nach), die sie mir mit einer Flasche beigebracht haben, als ich einmal einen Streit hatte wegen irgendwelcher Missverständnisse. Fast bin ich dabei gestorben. Es ist mir ganz schwarz vor Augen geworden, aber der liebe Gott hat mich gerettet ("se me fueron las luces, pero Diosito me salvó"). -
Und hier, schau mal, hier habe ich noch eine Narbe, die hat mir ein Obsthändler auf der Straße ("un carretero") verpasst, als ich ihm ein paar Äpfel klauen wollte. Aber die paar Kratzer sind auch nicht der Rede wert.
FRAGE: Und die Narbe da an der Stirn?
JUNGE: Das ist auch nichts ("esa bobada"). Als ich klein war, ist einmal die Schaukel gerissen - das ist alles. Auch die hier (er zeigt aufs Kinn) stammt aus meiner Kindheit: Da bin ich von einem Mangobaum heruntergefallen, als ein Ast gebrochen ist. Ich wollte Mangos im Garten eines Nachbarn klauen, ohne dass er es merkte. Aber der führte sich auf ("empezó a hacer escándalo") und schrie, sie sollten mich packen.
FRAGE: Wo hast du gewohnt?
JUNGE: In Santa Bárbara.
FRAGE: Und warum bist du hierher gekommen?
JUNGE: Mein Vater hat meiner Mama das Leben schwer gemacht. Er ist ein arger Weiberheld ("es muy mujeriego"). Wenn er betrunken nach Hause kam, hat er uns geschlagen, und er hat die Mutter ("la cucha") und die ganze Welt beschimpft. Etwas zum Essen hat er uns nicht gebracht. Was er verdiente, hat er versoffen.
FRAGE: Und wie bist du nach Medellín gekommen?
JUNGE: In Santa Bárbara fahren viele Lastwagen ab, die Früchte und Gemüse zum Markt "La Minorista" bringen, und da habe ich mich dran gehängt.
FRAGE: Als du hier ankamst, was hast du getan?
JUNGE: In der Gegend des Marktes habe ich mich von Tag zu Tag durchgeschlagen, und dann habe ich Freunde gefunden.
FRAGE: Nimmst du Drogen?
JUNGE: Wenn du nicht vor Hunger sterben, die Nacht überleben und dich nicht von diesen Typen fertig machen lassen willst, die sich so stark vorkommen, dann lernst du das schnell.
FRAGE: Am Tag, als du hier ankamst - wie war das eigentlich?
JUNGE: Ein Scheißtag! Wenn du Hunger hast, dann schämst du dich zu betteln. Kein Mensch ist freundlich zu dir, und man weiß auch nicht, was man tun kann und wohin man gehen soll. Aber nach ein paar Tagen trifft man Leute, mit denen man reden kann, und man begegnet ihnen dann immer wieder. Man ist mit ihnen zusammen, gewinnt Vertrauen, wird von ihnen eingeladen dahin oder dorthin zu gehen. Sie stellen dich ihren Freunden vor und beziehen dich in ihr Leben ein ("comparten la vida"). Man übernimmt von ihnen dieselben Verhaltensweisen und lernt auch, Drogen zu nehmen ("y aprende a tirar vicio").